Essen-Werden.. „Wir haben hier das erste Mal gespielt, als ich ein gebrochenes Bein hatte, mit einem Barhocker auf der Bühne – unglaublich Punkrock“, erzählt Ingo und lacht. Ingo ist Frontmann der Donots und gerade auf dem Pfingst Open Air Werden angekommen. Vor genau 17 Jahren haben er und seine Band schon einmal hier gespielt. Er sagt, er erinnere sich an jedes Konzert in über 20 Jahren Bandgeschichte und eben auch an den Auftritt von 1999.

Heute sind die Donots hier Headliner. Mittlerweile gibt es auch kaum eine Bühne, auf der die Donots noch nicht standen: in Amerika genauso wie in Japan und zuletzt auf einem Kreuzfahrtschiff durch die Bahamas mit anderen internationalen Künstlern. Er freue er sich aber immer noch sehr über solche Auftritte wie in Werden: „Diese kleineren Festivals haben einfach eine familiäre Atmosphäre und viel Herzblut. Du merkst wirklich, dass sich die Leute Gedanken machen“, erklärt er dann. „Ich weiß auch noch von damals, dass wir uns sehr wohl gefühlt haben“.

1980 wurde das Pfingst Open Air ins Leben gerufen, ging nun das 34. Mal über die Bühne. Und einer hat sich von Anfang an um das Gelingen des Umsonst-Festivals gekümmert: Initiator Gerd Dubiel vom Essener Jugendamt. Das diesjährige Open Air war nun aber sein letztes – er geht in den Ruhestand. Daher kam zu Beginn auch Oberbürgermeister Thomas Kufen auf die Bühne: „Ohne Gerd Dubiel wäre das alles gar nicht gewesen, er hat immer daran geglaubt, dass es wichtig ist, jungen Bands und Talenten aus Essen eine Chance zu geben“. Kufen erklärt dann auch, worum es Gerd Dubiel und den anderen Organisatoren und Bands dabei immer ging: „Es ist wichtig, viele nach Werden einzuladen und deutlich zu machen, dass wir hier eine weltoffene, eine tolerante Stadt sind, wo Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus keinen Platz haben – das ist eben auch das Signal von hier!“.

Das Publikum stimmt ihm mit lautem Applaus zu. Die Donots positionieren sich ebenfalls klar gegen rechts: „Ich bin durchaus jemand, der glaubt, dass man sich mit seinem kleinen Körper mit dem dicken Bauch in den Weg stellen sollte“, sagt Ingo. Auch bei der aktuellen Flüchtlings-Thematik müsse man sich in die Situation der Menschen versetzen, die hier Schutz suchen, und die Einzelschicksale sehen: „Da kann man einfach nicht so egoistisch sein und sagen: ,Das ist mein Land, mein Kram also zuerst’ – das geht nicht, finde ich“, erklärt er. „Ich interessiere mich nicht für Staaten, ich interessiere mich dafür, wenn jemand Not leidet – was kann ich tun?“

Jetzt ist er aber aus einem ganz anderen Grund aufgeregt: gerade ist die Band Love A auf die Bühne gekommen und die würde er sich gerne anschauen. Auch Drangsal, der später noch spielt, finde er fantastisch. Nachdem schließlich die lokalen Newcomer-Bands, Love A, Drangsal, Lgoony und Zugezogen Maskulin ihre Konzerte vor dem Werdener Publikum gespielt haben, geht es für die Donots los. Auch in diesem Jahr mussten die Veranstalter den Eingang des Festivals vorübergehend schließen, da die maximale Besucherzahl von 13.400 Menschen erreicht war. Die Donots stehen ab 21 Uhr auf der Bühne und während des Konzerts erkennt Ingo dann ein Plakat im Publikum: „Kein Mensch ist illegal“ steht darauf – und das können man nicht oft genug sagen, erklärt Ingo. Die Menge applaudiert.

Als es schließlich dunkel ist, sieht Ingo einen Fan, der vom Publikum getragen wird, und ruft: „Ein Mann, der im Rollstuhl surft, das ist das arschcoolste, was ich den ganzen Tag über gesehen habe – ich möchte, dass er den ganzen Song da oben bleibt und eine super Zeit hat!“ Als Gäste haben sich die Donots die Antilopen Gang und den Sänger Nicholas Müller der Band Von Brücken als Verstärkung geholt. Sie spielen über eine Stunde im Löwental: „Wir möchten uns in aller Form bedanken für einen spitzen Abend hier auf dem Pfingst Open Air“.

Nach dem Festival steht Gerd Dubiel hinter der Bühne. Das war nun sein letztes Pfingst Open Air nach 36 Jahren als Initiator: „Ein bisschen wehmütig bin ich jetzt schon“, sagt er und lächelt. Ein einzelnes Highlight könne er da gar nicht nennen. „Aber die Donots heute gehören dazu“.  (WAZ, 17.05.2016)